HISTORISCHES

100 Jahre Oberrheinische Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie

Albrecht Pfleiderer, Freiburg Ehem. Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Freiburg
Ehrenmitglied der OGGG  

Der Begründer der Oberrheinischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie war Geheimrat Exzellenz Professor Dr. Alfred Hegar aus Freiburg. Von ihm hatte 1893 Heinrich Fritsch, der 5. Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie bei seiner Kongressansprache gesagt: „Wir dürfen nie vergessen, dass erst mit Hegar die neue deutsche Gynäkologie beginnt.“ Hegar hatte die gynäkologische Untersuchungs- und Operationstechnik entwickelt, hatte grundlegende Werke über die Infektiologie verfasst und hatte insbesondere der Lehre von Semmelweis zum Durchbruch verholfen. Als sich Hegar kurz vor seinem 75. Geburtstag zum Jahresende 1904 emeritieren ließ, beschloss er, 75-jährig, die Oberrheinische Gesellschaft für Geburtshülfe und Gynäkologie zu gründen.  

„Am 5. März 1905 konstituierte sich in Baden-Baden unter dem Vorsitz Hegars und unter zahlreicher Beteiligung der von ihm eingeladenen Fachgenossen eine neue geburtshülfliche Gesellschaft für Südwestdeutschland, welche den Namen „oberrheinische“ führen soll, nachdem schon längere Zeit, insbesondere von Fehling und Hegar, die Gründung einer solchen geplant worden war“
so teilte v.Rosthorn die Gründung unserer Gesellschaft 1905 mit.

Alfred Hegar hatte die 42 Kollegen, die an der Gründungssitzung teilnahmen, persönlich eingeladen. Sie kamen aus Freiburg, Tübingen und Heidelberg, aus Stuttgart, Karlsruhe und Pforzheim, aus Mannheim, Ludwigshafen und Baden-Baden, und aus den damals zum deutschen Staatsgebiet gehörenden Städten Straßburg, Colmar, Mühlhausen und Metz. Schon bei der Herbsttagung am 15.10. 1905 in Basel traten 11 Kollegen aus der Schweiz, darunter die Direktoren der Universitätskliniken Basel, Bern und Zürich in die Gesellschaft ein.

Nachdem 1885 die Deutsche Gesellschaft gegründet worden war, aber nur alle 2 Jahre tagte, entstanden regionale Gesellschaften, die sich 2x im Jahr trafen: 1898 die Niederrheinisch-Westfälische, 1902 die Nordostdeutsche und die Mittelrheinische. Diesen folgte 1905 die Oberrheinische Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie, die sich als erste Gesellschaft in Deutschland durch ihren internationalen Status auszeichnete. Bis 1920 fanden – sieht man von der Gründungstagung in Basel ab – alle Tagungen der Gesellschaft in Baden-Baden statt.

Der zwar hochverehrte, aber mehr gefürchtete als geliebte Hegar wurde selbstverständlich 1905 der 1. Präsident unserer Gesellschaft und blieb bis 1912 ihr absolut autoritärer Vorsitzender. Seine „Schüler“, zu denen sich jeder zählen wollte, behandelte er wie „Schulbuben“, auch wenn sie kaum in seiner Klinik gearbeitet hatten und längst Ordinarien geworden waren. Zu diesen „Schülern“ gehörten Fehling, Kaltenbach, Sellheim, August Mayer und andere.

Die erste schwere Krise erlebte die Oberrheinische schon nach wenigen Jahren: Die Teilnahme an den Sitzungen war stark zurückgegangen. Im Herbst 1911 nahmen nur 18 und im Frühjahr 1912 nur noch 10 Mitglieder an den Sitzungen teil. In der Herbstsitzung 1912 kam es zum Eklat: Der 82-jährige Alfred Hegar konnte sich mit seinem Antrag auf Ausschluss eines Kollegen aus Basel aus ethischen Gründen gegen seinen Nachfolger in Freiburg, Geheimrat Prof. Bernhard Krönig nicht durchsetzen, trat im Protest aus der Gesellschaft aus und starb 1914, 84-jährig, unversöhnt mit seiner Gesellschaft.

Zum neuen Vorsitzenden wurde 1913 nicht Krönig, er starb 1917 erst 54-jährig, sondern Hermann Fehling aus Straßburg gewählt. Diesem und August Mayer gebührt das Verdienst, die Gesellschaft durch diese schwierige Zeit, und insbesondere auch durch den 1.Weltkrieg, gerettet zu haben. Nach der letzten Tagung am 8.3.1914 organisierten sie die erste am 9.5.1918 in Baden-Baden. In den 20er-Jahren brachten die Präsidenten Opitz aus Freiburg, Labhardt aus Basel, August Mayer aus Tübingen und von 1930 bis zu seinem frühen Tod 1934 Otto Pankow aus Freiburg zu neuer Blüte.

Vor 75 Jahren, am 11.5.1930, fand in Freiburg die Jubiläumssitzung zum 25-jährigen Bestehen der Gesellschaft mit Enthüllung der Hegar-Büste zu dessen 100. Geburtstag statt. August Mayer war von Böblingen nach Freiburg geflogen, erheblich flugkrank geworden und musste von meinem Vater, der damals Schriftführer war, und seiner Verlobten zunächst „gereinigt“ werden ehe sie zum vorabendlichen Treffen des Vorstandes gehen konnten. Dieses Geschehen und insbesondere der versammelte Vorstand ermöglichten meinen Eltern, August Mayer, dem Chef meines Vaters, ihre geplante Hochzeit mitzuteilen, ohne dass mein Vater, wie das damals unter Mayer in der Tübinger Frauenklinik üblich war, gekündigt zu werden. Damit verdanken meine Eltern der Oberrheinischen Gesellschaft einen glücklichen Beginn ihres gemeinsamen Lebens.

Über eines der bittersten Kapitel, das Verhalten unserer Gesellschaft in der NS-Zeit, besitze ich kein Informationen. Als aber im April 1934 an die Oberrheinische Gesellschaft das Ansinnen gestellt wurde, sämtliche jüdischen Mitglieder auszuschließen – wie das die Mittelrheinische Gesellschaft im März 1934 schon getan hatte – gelang es dem deutschen Schriftführer, dieses Ansinnen im Hinblick auf den internationalen Status der Oberrheinischen zunächst auf die lange Bank zu schieben. Vermutlich folgte die Oberrheinische dem öffentlichen Druck erst unter der Präsidentschaft von August Mayer 1935, der von da ab bis 1951 „Dauer-Präsident“ war.

Der nächste existentielle Einschnitt für die Oberrheinische war der 2. Weltkrieg. Nach der letzten Sitzung im Mai 1939 – gemeinsam mit der Mittelrheinischen in Heidelberg – folgte die nächste erst am 9.9.1950 wiederum in Heidelberg, wo die Gesellschaft neu gegründet wurde. Entscheidend für den Neubeginn verantwortlich waren neben August Mayer ganz besonders die schweizer Kollegen, zuvörderst Professor Th. Koller aus Basel.

Seit wann sich wieder – nach dem 2. Weltkrieg – französische Kollegen in unsere Gesellschaft integrierten, weiß ich nicht. Schon sehr bald gehörten aber Professor Burger, und wenig später auch Guy Schlaeder wieder zu den Säulen der Oberrheinischen. 1973 gründete sich eine französische Sektion. Damals fand auch unter der Präsidentschaft von Professor Wenner aus Liestal die erste Tagung in Straßburg statt.

Viele und sehr kritische Situationen hat unsere Gesellschaft durchgestanden. Immer wieder in der Not gab es aber neue Impulse, neue „Geburtshelfer“ und nicht zuletzt waren es wieder und wieder gerade die Freunde und Kollegen aus der Schweiz und aus Frankreich, die uns Deutschen auf die Beine geholfen haben. Mit großer Zuversicht sehe ich deshalb auch heute in die Zukunft. Simmer,H.H.: Aus den Anfängen der Oberrheinischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie (1905-1914).

Festvortrag bei der Jubiläumstagung 1980 in Baden-Baden
Alles zitiert nach Simmer
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